Klimawandel in Lienz: Über 75 Jahre Klimadaten

Mag. David Kaufmann Lesezeit: ca. 15 Minuten

📖 Zitierfähig: doi:10.5281/zenodo.21220839 · CC BY 4.0 · Autor: Mag. David Kaufmann

Die GeoSphere-Austria-Wetterstation Lienz (Stations-ID 55, 661 m Seehöhe) liegt im Lienzer Talboden, dem breiten inneralpinen Becken am Zusammenfluss von Isel und Drau in Osttirol. Ihre homogenisierte Messreihe reicht bis 1950 zurück und umfasst damit über 75 Jahre. Sie zeigt, wie sich der Klimawandel in einer inneralpinen Beckenlage auswirkt: mit kräftig steigenden Sommertemperaturen, mehr Hitzetagen und einem deutlichen Rückgang von Schnee und Eis.

Datenquelle und Methodik

Alle Daten stammen von der GeoSphere-Austria-Klimastation Lienz (Nr. 55, ehemals ZAMG). Die homogenisierte Langreihe führt die Lienzer Messstandorte (Standortwechsel im Dezember 1985) in einer durchgehenden amtlichen Reihe zusammen. Tauernwetter hat diese Reihe aus den GeoSphere-DataHub-Datensätzen ausgewertet und in interaktiven Grafiken aufbereitet.

Der Lienzer Talboden ist durch seine Beckenlage klimatisch geprägt: Im Sommer staut sich Wärme, im Winter bilden sich bei ruhigem Hochdruckwetter Kaltluftseen mit strengen Nachtfrösten. Mit rund 930 mm Jahresniederschlag im Mittel liegt Lienz zwischen den trockenen inneralpinen Lagen und dem niederschlagsreichen Südstaubereich der Karnischen Alpen.

1. Jahresmitteltemperatur: Der Erwärmungstrend

Die Jahresmitteltemperatur in Lienz ist in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. Im Vergleichszeitraum 1950–1975 lag das Jahresmittel bei durchschnittlich 7,1 °C. In den letzten elf Jahren (2015–2025) stieg dieser Wert auf 9,1 °C – ein Anstieg von +2,0 °C. Das Jahr 2024 brachte mit 9,8 °C den höchsten Wert der gesamten Messreihe, 2025 folgte mit 9,4 °C. Der Anstieg hat sich ab den 1990er-Jahren beschleunigt.

Jahresmitteltemperatur 1950–2025

Jahresmitteltemperatur in °C mit 10-Jahres-Mittel (dicke Linie) und linearem Trend (gestrichelt). Quelle: GeoSphere Austria, Station Lienz (661 m).

2. Monatliche Temperaturen im Wandel der Jahrzehnte

Der Vergleich der monatlichen Temperaturen zeigt, wo sich die Erwärmung am stärksten auswirkt. Verglichen werden drei Perioden: 1950–1975, 1976–1999 und 2000–2025. Die Erwärmung ist nicht gleichmäßig über das Jahr verteilt – besonders die Sommermonate zeigen die stärksten Zunahmen bei den Höchsttemperaturen, was zur Zunahme der Hitzetage führt.

Durchschnittliche Höchsttemperaturen pro Monat nach Periode

Monatsmittel der Tageshöchsttemperaturen (°C), gemittelt über die jeweilige Periode.

Auch die Tiefsttemperaturen haben sich verändert. Die Winterminima fallen weniger tief aus als früher – strenge Inversionsfröste im Becken werden seltener. Im Sommer bleiben die Nachttemperaturen höher, was warme Nächte begünstigt.

Durchschnittliche Tiefsttemperaturen pro Monat nach Periode

Monatsmittel der Tagestiefsttemperaturen (°C), gemittelt über die jeweilige Periode.

3. Sommertage, Hitzetage, Eistage und Frosttage

Die Kenntage machen die Auswirkungen des Klimawandels besonders greifbar. Ein Sommertag wird gezählt, wenn das Temperaturmaximum mindestens 25 °C erreicht. Hitzetage (Maximum ≥ 30 °C) sind in Lienz auf 661 m im Beckenklima häufig – in 71 von 76 Messjahren wurden Hitzetage registriert. Eistage sind Tage, an denen die Temperatur durchgehend unter dem Gefrierpunkt bleibt. Frosttage werden gezählt, wenn das Minimum unter 0 °C fällt.

Bemerkenswerte Veränderungen (Ø 1950–1975 vs. 2015–2025)

  • Die Sommertage stiegen von durchschnittlich 44 auf 74 pro Jahr (+66 %). 2003 brachte mit 96 Sommertagen den Rekord der Messreihe.
  • Die Hitzetage stiegen von durchschnittlich 5 auf 21 pro Jahr – eine Vervierfachung (+306 %). 2003 hält mit 37 Hitzetagen den Rekord.
  • Die Frosttage gingen von durchschnittlich 143 auf 123 pro Jahr zurück (−14 %). 2014 erreichte mit nur 105 Frosttagen den niedrigsten Wert.
  • Die Eistage sanken von durchschnittlich 36 auf 15 pro Jahr (−59 %). 2014 verzeichnete nur noch 5 Eistage.

Sommertage pro Jahr (Maximum ≥ 25 °C)

Anzahl der Sommertage pro Jahr. Rot hervorgehoben: Jahre mit 80 oder mehr Sommertagen.

Hitzetage pro Jahr (Maximum ≥ 30 °C)

Anzahl der Hitzetage pro Jahr. In Lienz ein regelmäßiges Phänomen – die Anzahl hat sich vervierfacht.

Frosttage pro Jahr (Minimum < 0 °C)

Anzahl der Frosttage pro Jahr mit linearem Trend.

Eistage pro Jahr (Maximum < 0 °C)

Anzahl der Eistage pro Jahr mit linearem Trend.

4. Schnee im Wandel

In einer Beckenlage auf 661 m ist Schnee weniger beständig als im Gebirge – der Rückgang fällt dennoch klar aus. Die durchschnittlichen Schneedeckentage gingen von 95 pro Jahr (Ø 1950–1975) auf 47 in den letzten elf Jahren zurück – ein Rückgang von 48 Tagen (−50 %). 2024 verzeichnete 16, das Jahr 2025 nur noch 15 Schneedeckentage.

Die durchschnittliche maximale Schneehöhe sank von 65 cm (Ø 1950–1975) auf 42 cm (2015–2025, −35 %). Der Rekord stammt aus dem Jahr 1986 mit 152 cm, dem schneereichsten Winter der Reihe. Schneereiche Winter werden im Lienzer Talboden seltener.

Maximale Schneehöhe pro Jahr (cm)

Maximale Gesamtschneehöhe pro Jahr in Zentimetern mit linearem Trend.

Schneedeckentage pro Jahr

Tage mit geschlossener Schneedecke pro Jahr.

Extremschneefall: Maximaler 3-Tages-Neuschnee pro Jahr (cm)

Höchster 3-Tages-Neuschneewert pro Jahr in Zentimetern (ab 1971, Beginn der durchgehenden Neuschneemessung). Die rote Linie markiert die 30-cm-Schwelle für Starkschneefälle im Tal.

5. Jahresniederschlag

Beim Niederschlag zeigt sich in Lienz kein dramatischer Langzeittrend. Der Jahresniederschlag schwankt erheblich zwischen rund 650 mm und über 1.350 mm. Im Durchschnitt liegt Lienz mit etwa 930 mm im typischen Bereich der Osttiroler Tallagen. Zwischen den beiden WMO-Normalperioden nahm der Jahresniederschlag leicht zu (+6 %).

Jahresniederschlag 1950–2025 (mm)

Jahresniederschlag in Millimetern mit linearem Trend.

Auch beim monatlichen Niederschlag lohnt sich ein Blick auf die Veränderungen. Die folgende Grafik vergleicht die durchschnittlichen Monatsniederschläge über drei Perioden.

Durchschnittlicher Monatsniederschlag nach Periode

Monatsniederschlag (mm), gemittelt über die jeweilige Periode.

6. Klimatabelle: Normalwerte 1991–2020

Die folgende Klimatabelle zeigt die Klimanormalwerte der Station Lienz für die aktuelle, international gebräuchliche WMO-Referenzperiode 1991–2020. Sie fasst den durchschnittlichen Jahresgang von Temperatur, Niederschlag, Sonnenscheindauer und Niederschlagstagen zusammen und dient als Vergleichsbasis für die oben gezeigten langfristigen Trends.

Klimadaten JänFebMärAprMaiJunJulAugSepOktNovDez Jahr
Mittl. Temperatur (°C)[1] −3,9−1,04,19,013,717,519,018,313,48,12,2−3,0 8,1
Mittl. Tagesmax. (°C)[1] 1,95,811,716,220,624,426,325,620,714,87,31,8 14,8
Mittl. Tagesmin. (°C)[1] −7,8−5,4−1,03,27,511,212,812,68,54,1−0,9−6,2 3,2
Niederschlag (mm)[1] 37304655791001231229010510861 956
Sonnenstunden (h/d)[1] 3,35,56,36,57,07,47,97,56,45,43,22,8 5,8
Tage mit Niederschlag (≥ 1 mm)[2] 4,34,35,27,010,411,111,512,38,17,87,55,5 95,0

[1] Mittl. Temperatur, Tagesmaximum/-minimum, Niederschlag und Sonnenscheindauer: WMO-Klimanormalperiode 1991–2020, GeoSphere Austria DataHub (klima-v2-1m), Station Lienz. Das in der Spalte „Jahr" angegebene Temperatur-Jahresmittel (8,1 °C) stimmt mit dem Mittel der zwölf Monatswerte überein.
[2] Tage mit Niederschlag: eigene Auswertung der Tagesdaten (GeoSphere DataHub, klima-v2-1d) für 1991–2020. Ein Niederschlagstag ist nach meteorologischer Konvention ein Tag mit einer Niederschlagssumme von mindestens 1,0 mm (Regen oder Schmelzwasser).

Periodenvergleich der WMO-Normalperioden 1961–1990 → 1991–2020

Der direkte Vergleich der beiden offiziellen WMO-Klimanormalperioden macht die Erwärmung in Lienz unmittelbar sichtbar:

GrößeØ 1961–1990Ø 1991–2020Veränderung
Jahresmitteltemperatur6,9 °C8,1 °C+1,2 °C
Sommermittel (Juni–August)16,8 °C18,2 °C+1,4 °C
Jahresniederschlag902 mm956 mm+54 mm (+6 %)

[3] WMO-Klimanormalperioden, berechnet aus den Werten des GeoSphere DataHub (klima-v2-1y / klima-v2-1m), Station Lienz. Beide Perioden beruhen auf vollständigen 30 Jahren; die Reihe ist von 1950 bis 2025 ohne Lückenjahre. Werte gerundet; die Veränderung ergibt sich aus den gerundeten Periodenmitteln.

7. Fazit: Der Klimawandel in Lienz in Zahlen

Die über 75 Jahre umfassende Klimareihe der GeoSphere-Austria-Station Lienz zeigt ein klares Bild: Das Beckenklima des Lienzer Talbodens verstärkt die Auswirkungen des Klimawandels – Hitzeextreme nehmen deutlich zu, der Winter verliert an Kälte und Schnee.

Die wichtigsten Veränderungen auf einen Blick:

+2,0
Temperaturanstieg: Die Jahresmitteltemperatur stieg von 7,1 °C (Ø 1950–1975) auf 9,1 °C (Ø 2015–2025) – ein Anstieg von +2,0 °C. 2024 wurde mit 9,8 °C der höchste Wert der gesamten Messreihe erreicht.
+29
Mehr Sommertage: Die Anzahl der Tage mit 25 °C und mehr stieg von durchschnittlich 44 auf 74 (+66 %). 2003 brachte mit 96 Sommertagen den Rekord.
+16
Hitzetage vervierfacht: Die Hitzetage (≥ 30 °C) stiegen von durchschnittlich 5 auf 21 pro Jahr (+306 %). 2003 hält mit 37 Hitzetagen den Rekord.
−40
Weniger Frost- und Eistage: Die Frosttage gingen von 143 auf 123 zurück (−14 %). Die Eistage sanken von 36 auf 15 (−59 %).
−48
Schneerückgang: Die Schneedeckentage halbierten sich von 95 auf 47 (−50 %). Die maximale Schneehöhe sank von 65 auf 42 cm (−35 %). 2025 verzeichnete nur noch 15 Schneedeckentage.
+6 %
Niederschlag leicht steigend: Der Jahresniederschlag liegt bei rund 930 mm und nahm zwischen den Normalperioden um 6 % zu. Auffällig sind hohe Schwankungen des Jahresniederschlags zwischen nassen und trockenen Jahren.

Die Erwärmung fällt in Lienz stärker aus als in höher gelegenen Orten, weil sich die Wärme im Talboden staut. Am deutlichsten zeigt sich das bei den Hitzetagen: Aus durchschnittlich 5 pro Jahr sind 21 geworden. Das spürt man bei der Gesundheit, beim Kühlbedarf und in der Landwirtschaft. Zugleich liegt im Winter immer seltener Schnee – und mit ihm fehlt im Frühjahr das Schmelzwasser.

Vollständige Analyse als PDF

Über 75 Jahre Klimadaten, Grafiken, Klimatabelle und Quellen dieser Auswertung als zitierfähiges PDF-Dokument zum Herunterladen.

Klimawandel Lienz (PDF)

Lizenz CC BY 4.0 · Datengrundlage GeoSphere Austria

Quellen & Zitation

Diesen Artikel zitieren:
Kaufmann, D. (2026): Klimawandel in Lienz – über 75 Jahre Klimadaten (1950–2025). Tauernwetter, Wetterwissen. Datengrundlage: GeoSphere Austria, Station Lienz (ID 55). Zenodo, doi:10.5281/zenodo.21220839. Online: tauernwetter.at/wetterwissen/klimawandel_in_lienz.html
  • GeoSphere Austria (2026): DataHub – Messstationen-Klimadaten der Station Lienz (ID 55). Datensätze klima-v2-1y, klima-v2-1m und klima-v2-1d. Lizenz CC BY 4.0. data.hub.geosphere.at
  • Kaufmann, D. (2026): Klimadaten und Klimawandel-Kennzahlen Lienz 1950–2025 (GeoSphere-Station Lienz). Zenodo. doi:10.5281/zenodo.21220839 – zugrunde liegender Datensatz dieser Auswertung.
  • Datenabruf und Auswertung (inkl. Niederschlagstage ≥ 1 mm sowie Kenn- und Schneetage aus Tageswerten): Tauernwetter, mittels eigener Skripte über die GeoSphere-DataHub-API. Stand: Juli 2026.
Hinweis zur Datenqualität: Die hier verwendeten Daten stammen aus den offiziellen, qualitätsgeprüften Datensätzen der GeoSphere Austria. Die homogenisierte Messreihe ab 1950 gilt als zuverlässig und ist ohne Lückenjahre vollständig. Die Daten werden unter der CC BY 4.0-Lizenz bereitgestellt.
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